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title: "Make or Buy bei KI-Lösungen: Eine Entscheidungshilfe für den Mittelstand"
lang: de
type: blog
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alternate: https://www.arocom.de/en/blog/make-or-buy-ai
author: "Axel Roth"
published: 2026-04-28
last_updated: 2026-10-31
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# Make or Buy bei KI-Lösungen: Eine Entscheidungshilfe für den Mittelstand

Ob ein Unternehmen KI-Funktionen als fertiges Produkt kauft oder individuell bauen lässt, entscheiden vier Kriterien: Differenziert die Funktion das Unternehmen im Wettbewerb, wie sensibel sind die Daten, wie tief muss die Integration in bestehende Systeme reichen, und wie lange soll die Lösung leben. Kaufen gewinnt bei Standardaufgaben, Bauen bei differenzierenden Kernprozessen. In der Praxis am erfolgreichsten sind Mischformen: Standardmodelle mieten, die Integrationsschicht auf offenen Standards selbst besitzen. Eine Beispielrechnung über drei Jahre und eine Fünf-Fragen-Checkliste machen die Entscheidung rechenbar.

## Make or Buy bei KI-Lösungen: Eine Entscheidungshilfe für den Mittelstand

Die Frage erreicht uns inzwischen wöchentlich, in zwei Varianten.
Variante eins: "Da gibt es doch fertige Tools, warum sollen wir etwas
bauen lassen?" Variante zwei: "Wir wollen nicht abhängig sein, können
Sie uns das nicht selbst bauen?" Beide Reflexe sind verständlich, und
beide führen ohne Prüfung in teure Sackgassen.

Die Frage ist bei KI folgenreicher als bei klassischer Software. Die
Werkzeuge entwickeln sich schneller, die Preismodelle der Anbieter
sind jung und beweglich, und durch die Lösung fließen oft genau die
Daten, die euer Geschäft ausmachen. Eine Fehlentscheidung korrigiert
sich hier nicht still im Budget, sie wächst mit. Vier Kriterien
bringen Ordnung in die Entscheidung.

## Die vier Kriterien

**1. Differenzierung.** Erledigt die KI-Funktion etwas, das eure
Wettbewerber genauso brauchen (Protokolle zusammenfassen, E-Mails
vorsortieren)? Dann kaufen. Bildet sie ab, was euch von Wettbewerbern
unterscheidet (eure Beratungslogik, eure Kalkulation, euer
Serviceprozess)? Dann gehört die Logik in eure Hand. Ein Beispiel:
Ein technischer Großhändler, dessen Stärke die schnelle und
verlässliche Angebotskalkulation ist, kauft die Protokoll-KI von der
Stange und lässt die Kalkulationsassistenz individuell bauen. Genau
umgekehrt wäre es teuer falsch.

**2. Datenhoheit.** Je sensibler die Daten (Kundendaten,
Kalkulationen, Gesundheitsdaten), desto stärker spricht es für
eigene Infrastruktur oder zumindest europäische Anbieter mit klaren
Verträgen. Ein Standard-SaaS mit US-Datenverarbeitung scheidet für
manche Branchen schlicht aus. Ein Beispiel: Ein Zulieferer, der
Kundenzeichnungen unter Geheimhaltung verwaltet, darf sie nicht in
ein beliebiges Cloud-Tool laden. Hier entscheidet der NDA-Anhang
über die Architektur, nicht das Featureset.

**3. Integrationstiefe.** Ein Tool, das für sich allein arbeitet,
kann man gefahrlos mieten. Eine Funktion, die tief in CRM, ERP oder
CMS eingreifen soll, wird als Fremdprodukt zur Dauerbaustelle. Als
Faustregel aus unseren Projekten: Ab der zweiten
Systemschnittstelle lohnt der Blick auf eine eigene
Integrationsschicht. Ein typisches Muster: Der Service-Chatbot von
der Stange überzeugt in der Demo, und nach dem zweiten
Release-Wechsel des Anbieters bricht die ERP-Anbindung, die im Haus
niemand reparieren kann.

**4. Lebensdauer.** Für ein Jahr Überbrückung mietet man. Für einen
Prozess, der das Unternehmen zehn Jahre tragen soll, rechnet sich
Eigenes schneller, als die Monatsraten suggerieren. Ein Beispiel:
Bis zum geplanten ERP-Wechsel ein Dokumenten-Tool zu mieten ist
vernünftig. Den Angebotsprozess, der das Geschäft die nächste Dekade
trägt, auf ein kündbares Abo zu bauen, ist es nicht.

## Der ehrliche Kostenvergleich

|  | Kaufen (SaaS) | Bauen (individuell) |
| --- | --- | --- |
| Startkosten | niedrig (Abo, Onboarding) | hoch (Projekt) |
| Laufende Kosten | wachsen mit Nutzern/Nutzung | Betrieb + Inferenz, weitgehend nutzerunabhängig |
| Anpassbarkeit | begrenzt auf Roadmap des Anbieters | voll, aber jede Anpassung kostet |
| Abhängigkeit | Preis-, Feature- und Exit-Risiko | Abhängigkeit vom Dienstleister (vertraglich lösbar) |
| Time-to-Value | Tage bis Wochen | Wochen bis Monate |
| Typischer Kipppunkt | ab ~20–50 Nutzern oder 2+ Integrationen neu rechnen | rechnet sich über 3+ Jahre Laufzeit |

Der häufigste Rechenfehler steckt in der zweiten Zeile: SaaS-Preise
gelten pro Nutzer und Monat und wachsen mit. Individuallösungen
kosten vorn, skalieren dann aber fast kostenneutral. Bei KI kommt
eine Besonderheit dazu: Die Inferenzkosten (was jede Anfrage an
Modellkosten erzeugt) fallen in beiden Modellen an, sind beim
SaaS-Anbieter aber im Preis versteckt und eingepreist.

Was das in Zahlen heißt, zeigt eine vereinfachte Beispielrechnung
über drei Jahre. Die Werte sind gerundete Illustration, keine
Angebotskalkulation. Ein KI-Assistenz-SaaS für 25 Nutzer zu 40 Euro
je Nutzer und Monat kostet 12.000 Euro pro Jahr, über drei Jahre
36.000 Euro, Preiserhöhungen und kostenpflichtige Zusatzmodule
nicht eingerechnet. Eine individuelle Lösung mit vergleichbarem
Funktionsumfang liegt beispielhaft bei 45.000 Euro für den Aufbau
plus rund 6.000 Euro pro Jahr für Betrieb und Modellkosten, über
drei Jahre also etwa 63.000 Euro.

Nach dieser Rechnung liegt das SaaS vorn, und genau so weit tragen
die Listenpreise. Die Rechnung kippt, sobald einer von drei Faktoren
eintritt: Die Nutzerzahl wächst Richtung 50, der Anbieter hebt die
Preise an, oder eine zweite Integration kommt dazu, die beim SaaS
Beratungstage kostet. Ab da rechnet sich der Eigenbau Jahr für Jahr
stärker. Deshalb gehört diese Rechnung mit euren eigenen Zahlen
schriftlich in jede Entscheidungsvorlage.

Zwei Posten fehlen in den Listenpreisen beider Spalten und gehören
trotzdem in eure Rechnung: die Einführung (Schulung,
Prozessanpassung, interne Tests) und die laufende Pflege von
Prompts und Konfiguration. Beide fallen an, egal ob ihr kauft oder
baut, und beide werden in Anbietergesprächen verlässlich
kleingeredet.

## Was in der Praxis gewinnt: drei Mischformen

Die reine Make-or-Buy-Frage ist 2026 oft falsch gestellt. In
unseren Projekten setzen sich Mischformen durch. Ehrlicherweise hat
jede davon eine Stelle, an der sie scheitern kann, deshalb nennen
wir beides:

1. **Modell mieten, Integration besitzen.** Das Sprachmodell kommt
   per API von OpenAI, Anthropic oder einem europäischen Anbieter
   und bleibt austauschbar. Die Integrationsschicht (Anbindung an
   CMS, CRM, Wissensbasis, idealerweise über offene Standards wie
   [MCP](https://www.arocom.de/wissen/ki/mcp)) gehört euch. Diese Form scheitert dort,
   wo die Integrationsschicht ohne Dokumentation und Tests entsteht
   und damit doch wieder an einer einzelnen Person oder Agentur
   hängt.
2. **Standard-Tools für Standardaufgaben, eigene Lösung für den
   Kernprozess.** Office-Copiloten für E-Mails und Protokolle
   kauft man. Den KI-gestützten Angebotsprozess, der euer
   Geschäft trägt, baut man. Scheitern sehen wir dieses Modell
   dort, wo niemand die Grenze pflegt: Standard-Tools wachsen
   schleichend in den Kernprozess hinein, bis ein kündbares Abo
   plötzlich geschäftskritisch ist.
3. **Kaufen mit Exit-Plan.** Wo SaaS gewinnt, gehören Datenexport
   und Kündigungsszenario in den Vertrag, bevor man unterschreibt.
   Das scheitert, wenn der Exit nur auf dem Papier existiert. Ein
   Datenexport, den nie jemand probeweise eingespielt hat, ist
   keiner.

## Fünf Fragen vor dem ersten Anbietergespräch

Beantwortet diese fünf Fragen schriftlich, bevor ihr mit
Anbietern oder Dienstleistern sprecht. Schriftlich deshalb, weil
mündliche Antworten im Verkaufsgespräch erstaunlich beweglich
werden:

1. Welche Aufgabe soll die Lösung übernehmen, und woran messen wir
   nach zwölf Monaten, ob sie es tut?
2. Differenziert diese Aufgabe uns im Wettbewerb, oder erledigen
   Wettbewerber sie genauso?
3. Welche Daten fließen hinein, wie sensibel sind sie, und wo
   dürfen sie verarbeitet werden?
4. Mit wie vielen bestehenden Systemen muss die Lösung sprechen,
   heute und in drei Jahren?
5. Was passiert beim Ausstieg nach zwei Jahren: Wem gehören dann
   Daten, Prompts und Integrationscode?

Unser Rat als erster Schritt: Nehmt eure wichtigste geplante
KI-Funktion und beantwortet die fünf Fragen noch diese Woche.
Das Ergebnis trägt die Make-or-Buy-Entscheidung meist von allein.
Wenn ihr dabei eine zweite Meinung wollt, ist genau das ein Fall
für den [Zukunfts-Check](https://www.arocom.de/zukunfts-check).

### Können wir später von Buy zu Make wechseln?

Ja, und genau dafür gibt es den Exit-Plan. Realistisch wird der Wechsel, wenn ihr von Anfang an drei Dinge sichert: regelmäßige Datenexporte in einem offenen Format, dokumentierte Prozesse (was tut das Tool fachlich genau) und keine Exklusivklauseln im Vertrag. Die häufigsten Wechselgründe, die uns in Gesprächen begegnen, sind Preiserhöhungen und Stillstand auf der Anbieter-Roadmap. Wer den Wechsel vertraglich vorbereitet hat, verhandelt dann aus einer anderen Position.

### Wie vermeiden wir Dienstleister-Lock-in beim Bauen?

Vertraglich und technisch. Vertraglich gehören Quellcode, Dokumentation und Infrastrukturzugänge euch, und zwar bevor gebaut wird, nicht als nachträgliche Verhandlungsmasse. Technisch helfen offene Standards (etwa MCP für KI-Integrationen), verbreitete Frameworks statt Eigenbau-Exoten und eine Dokumentation, mit der ein zweites Team weiterarbeiten könnte. Die Testfrage an euren Dienstleister lautet: "Was bräuchte ein anderes Team, um das zu übernehmen?" Die Antwort sagt mehr als jede Referenzliste.

### Was, wenn der Anbieter morgen das Doppelte verlangt?

Beim SaaS ist das ein reales Szenario, vor allem wenn KI-Funktionen nachträglich bepreist werden. Schützen könnt ihr euch vertraglich mit Preisbindung über die Laufzeit und praktisch mit einem Exit-Plan, der aktuell gehalten und einmal geprobt wird, denn die beste Verhandlungsposition ist glaubwürdige Wechselfähigkeit. Bei einer eigenen Lösung trifft das Preisrisiko nur die Modellkosten, und Modelle sind über eine saubere Provider-Abstraktion austauschbar.
