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title: "ND-freundliches Webdesign: UX für die übersehenen 20 %"
lang: de
type: knowledge
canonical: https://www.arocom.de/wissen/inklusion/nd-freundliches-webdesign
alternate: https://www.arocom.de/en/knowledge/inclusion/nd-friendly-webdesign
author: "Axel Roth"
last_updated: 2026-10-31
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# ND-freundliches Webdesign: UX für die übersehenen 20 %

Rund 15–20 % aller Nutzer sind neurodivergent: ADHS, Autismus-Spektrum,
Hochsensibilität oder LRS/Dyskalkulie. Sie sind die am häufigsten
übersehene Accessibility-Zielgruppe. ND-freundliches Webdesign ruht
auf vier Prinzipien: klare Sprache (B1-Zielniveau, kurze Sätze),
reduzierte Reize (kein Auto-Play, Bewegung nur bei Nutzer-Intent),
vorhersehbare Navigation (stabile Muster, klare URLs, Breadcrumbs),
großzügige Fehler-Toleranz (Undo, Zwischenspeichern, Bestätigung
vor irreversiblen Aktionen). Genau diese Muster erfüllen parallel
das BFSG auf WCAG-2.1-AA-Mindestniveau.

## ND-freundliches Webdesign, UX für die übersehenen 20 %

## Die übersehene Accessibility-Zielgruppe

Wenn Teams über Barrierefreiheit sprechen, denken die meisten
an Screenreader, Farbkontraste, Tastatur-Navigation. Das ist
richtig und wichtig. Es ist aber nur ein Teil des Bildes.

Rund 15–20 % aller Nutzer sind neurodivergent, das heißt,
sie verarbeiten Information anders. ADHS, Autismus-Spektrum,
Hochsensibilität, LRS und Dyskalkulie gehören dazu
([CDC 2023](https://www.cdc.gov/adhd/data/index.html), [NIH 2024](https://www.ninds.nih.gov/health-information/disorders/autism-spectrum-disorder)). Für diese
Nutzer entscheidet nicht der Farbkontrast, sondern der
Reiz-Haushalt. Nicht das ARIA-Label, sondern die Satzlänge.
Nicht die Tab-Reihenfolge, sondern die Vorhersehbarkeit der
Navigation.

Der [Neurodivergenz-Selbsttest](https://www.arocom.de/wissen/inklusion/neurodivergenz-test)
zeigt, in welchen dieser vier Bereiche ihr selbst Muster
erkennt. Dieser Artikel zeigt, was daraus für digitale
Produkte folgt.

## Warum ND-Freundlichkeit direkt das BFSG erfüllt

Seit Juni 2025 gilt das
[Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG)](https://www.arocom.de/barrierefreiheit)
für viele Unternehmen im B2C-Bereich. Der Mindeststandard
ist [WCAG 2.1 AA](https://www.w3.org/TR/WCAG21/). Drei
Erfolgskriterien treffen ND-Nutzer besonders:

- **3.1.5 Lesbarkeit** (AAA): verständliche Sprache für
  Nutzer mit geringerer Lesekompetenz, deckt LRS ab.
- **2.2.2 Pausieren, Stoppen, Ausblenden** (A): automatisch
  bewegte Inhalte pausierbar, deckt HSP und ADHS ab.
- **3.2.3 Konsistente Navigation** (AA): gleiche Elemente
  an gleicher Stelle, deckt Autismus-Spektrum ab.

Wer ND-freundlich baut, erfüllt diese Kriterien automatisch.
Wer nur WCAG-Checklisten abarbeitet, übersieht oft die ND-Nutzer.

## Vier Prinzipien für ND-freundliche UX

### 01 Klare Sprache

Kurze Sätze, aktive Verben, konkrete Substantive.
Zielniveau B1–B2 für Hauptnavigation und Fehlertexte.
Reduziert Last für LRS-Nutzer, kognitiv erschöpfte Nutzer
und alle, die scannen statt lesen.

### 02 Reduzierte Reize

Keine Auto-Play-Videos. Keine rotierenden Banner. Keine
Notification-Flut. Bewegung nur nach Nutzer-Intent und
respektiert `prefers-reduced-motion`. Audio-Kontext
niemals überraschend.

### 03 Vorhersehbare Navigation

Gleiche Elemente an gleicher Stelle. Keine Scroll-Hijacks,
keine Overlay-Pop-ups ohne Nutzer-Trigger. Breadcrumbs,
klare URLs und stabile Navigations-Struktur als
kognitive Anker.

### 04 Großzügige Fehler-Toleranz

Formulare, die mit Tippfehlern und Reihenfolgen
umgehen. Undo-Optionen und Zwischenspeichern.
Bestätigung vor irreversiblen Aktionen. Klare, hilfreiche
Fehler-Texte statt „Ungültige Eingabe".

## Vier konkrete Muster aus unserer Praxis

Prinzipien sind abstrakt. Hier sind vier Patterns, die wir
in Kundenprojekten umgesetzt haben und die messbar den
Unterschied machen.

### Formulare mit Auto-Save und sichtbarem Fortschritt

Jeder Feld-Wechsel speichert den Zwischenstand. Nutzer
sieht eine dezente „Gespeichert"-Meldung. Browser-Tab
schließen oder Netzverbindung verlieren verliert keine
Eingaben. ADHS-Nutzer mit Zeitblindheit profitieren am
meisten.

### Typografie-Stellschrauben für LRS

Mindest-Schriftgröße 18 px, Zeilenhöhe 1,6, max. 75
Zeichen pro Zeile. Optionale „OpenDyslexic"-Schrift
per Toggle. Absätze nicht länger als 3–4 Sätze. Senkt
Leseanstrengung für LRS-Nutzer um bis zu 40 %
([British Dyslexia Association 2023](https://cdn.bdadyslexia.org.uk/uploads/documents/Advice/style-guide/BDA-Style-Guide-2023.pdf)).

### Reiz-Reduktion als Theme-Option

Neben Light- und Dark-Mode einen dritten Modus „Fokus"
anbieten: keine Animationen, monochrome Akzente, breitere
Abstände, größere Touch-Targets. Ein Klick vom Theme-Toggle
aus erreichbar. HSP- und Autismus-Nutzer bleiben
länger auf der Seite.

### Vorhersehbare CTA-Positionierung

Primärer CTA immer rechts, sekundärer immer links,
tertiärer nur als Text-Link. Keine Floating-Buttons, die
je nach Scrolltiefe die Position wechseln.
Autismus-Nutzer bauen mentale Karten, die zerstört man nicht.

## Wie ihr ND-UX messen könnt

Standard-UX-Metriken (Bounce, Time-on-Page, Conversion)
reichen nicht. Ergänzt sie durch:

**40%** Weniger Lese-Anstrengung mit LRS-Typografie ([British Dyslexia Association, 2023](https://cdn.bdadyslexia.org.uk/uploads/documents/Advice/style-guide/BDA-Style-Guide-2023.pdf))

**15–20%** Nutzer sind neurodivergent (DE/EU) ([CDC, NIH, 2023–2024](https://www.cdc.gov/adhd/data/index.html))

**2,5×** Höhere Abschluss-Rate mit Auto-Save ([Baymard Institute, 2024](https://baymard.com/blog/save-for-later-feature))

Qualitativ helfen Methoden wie **moderierte Sessions mit
ND-Nutzern**, etwa über
[Fable](https://makeitfable.com/) oder eigene Tester-Pools.
Sie zeigen Muster, die keine Heatmap sichtbar macht: etwa
den Moment, in dem ein Nutzer aussteigt, weil drei Reize
gleichzeitig konkurrieren.

## Wie arocom ND-freundlich baut

Wir prüfen in unseren Projekten standardmäßig gegen zwei
Ebenen: die WCAG-2.1-AA-Checklist und eine eigene
ND-Heuristik. Die Heuristik umfasst unter anderem:

- **Reiz-Inventar pro Seite**: wie viele konkurrierende
  Bewegungen, Farben, Elemente laufen parallel?
- **Sprach-Score**: Hemingway-App für Lesbarkeit, Ziel
  B1–B2 in Navigation und Fehlertexten.
- **Reversibilitäts-Check**: welche Aktionen sind
  irreversibel, welche brauchen Bestätigung?
- **Konsistenz-Audit**: treten gleiche Funktionen an
  unterschiedlichen Stellen unterschiedlich auf?

Das Ergebnis fließt in die
[Leistung Entwicklung](https://www.arocom.de/leistungen/entwicklung) und in den
[Zukunfts-Check](https://www.arocom.de/zukunfts-check) ein.

## Häufige Fragen

### Ist ND-freundliches Design nicht einfach gutes UX für alle?

Teilweise. Klare Sprache und vorhersehbare Navigation
nutzen allen. Aber bestimmte Entscheidungen,
OpenDyslexic als Option, Auto-Save pro Feld, Fokus-Mode,
helfen ND-Nutzern spürbar mehr. Neurotypische merken
sie nicht, ND-Nutzer spüren den Unterschied zwischen
„funktioniert" und „funktioniert nicht".

### Muss ich WCAG 2.2 erfüllen, oder reicht 2.1 AA?

Das BFSG fordert
[EN 301 549](https://www.etsi.org/deliver/etsi_en/301500_301599/301549/) und damit WCAG 2.1 AA als Mindest-Level.
WCAG 2.2 bringt 9 neue Kriterien, die ND-Nutzer
zusätzlich adressieren, etwa 3.3.7 „Redundant Entry"
(weniger Tipparbeit in Formularen). Wir bauen neue
Projekte direkt gegen 2.2.

### Wie weit muss eine Startseite klar-sprachig sein?

Hauptnavigation und CTAs: B1–B2. Einleitungs-Texte:
B2. Fach-Artikel: B2–C1 erlaubt, solange mindestens
eine Zusammenfassung auf B1-Niveau existiert. Der
arocom-Redaktions-Workflow prüft Hemingway-Readability
für jeden neuen Artikel.

### Müssen wir eine Dyslexie-Schrift anbieten?

Nicht zwingend, aber empfehlenswert. Studien sind
gemischt ([Wery/Diliberto 2017](https://link.springer.com/article/10.1007/s11881-016-0127-1)),
aber: einige LRS-Nutzer schwören darauf, und die
Option kostet wenig (Webfont + Toggle). Als
Standard-Font eignen sich stattdessen leicht unterscheidbare
Sans-Serifen wie Atkinson Hyperlegible, Lexend oder Inter.
