KI & Strategie: Drupals Strategie für 2026: KI überall, Entscheidung beim Menschen

Drupals Strategie für 2026: KI überall, Entscheidung beim Menschen

Strategiepapiere von Open-Source-Projekten liest außerhalb der Community kaum jemand. Dieses hier lohnt sich trotzdem, wenn ihr in den nächsten zwei Jahren über eine Website oder ein Portal entscheidet. Es geht darin um eine Marktentscheidung, und die betrifft euer Budget.

Ich habe die Strategie mit zwei Fragen gelesen. Welche Haltung zu KI steckt dahinter? Und für welche Projektgröße wird hier gebaut? Beide Antworten liegen näher an unserer eigenen Arbeit, als ich erwartet hatte.

Was in der Strategie tatsächlich steht

Die Produktstrategie für Drupal CMS trägt die Versionsnummer 2.0 und stammt von Juni 2026. Sie ersetzt die erste Strategie von August 2024, das Zieldatum liegt bei Juni 2028. Ein Projekt hat seinen Kurs also nach zwei Jahren neu bestimmt, in Richtung KI. Das Zielbild formuliert das Dokument so: "Drupal CMS is the gold standard for turning great ideas into great digital experiences with the speed of AI."

Zwei Prioritäten stehen darunter. Die erste ist die Zeit bis zum produktiven Einsatz, die deutlich sinken soll. Die zweite ist die Rückgewinnung der Marktmitte, also der Projekte, die in den letzten Jahren an WordPress, Webflow oder HubSpot gegangen sind.

Interessant ist, wen die Strategie adressiert. Als Nutzer nennt sie Agenturen und professionelle Entwickler. Als eigentliche Adressaten nennt sie "mid-market organizations or single departments within enterprise, which we will reach via the digital agencies or developers that work with them". Drupal spricht also mittelständische Unternehmen an und geht dabei über deren Dienstleister.

Der Satz, auf den es ankommt

Die KI-Haltung des Dokuments steht in einem einzigen Satz: "Every workflow and process in Drupal CMS can be operated by AI agents, while keeping humans in the loop."

Darin stecken zwei Behauptungen. Die erste: Es gibt keinen Arbeitsschritt, der für Automatisierung gesperrt ist. Die zweite: Der Mensch bleibt im Prozess, als eingeplante Instanz und nicht als Notbremse. Die meisten Systeme liefern nur eine der beiden Hälften. Ohne Freigabe entsteht ein Autopilot, dem nach ein paar Wochen niemand mehr zuschaut, und ohne durchgängige Automatisierung ändert sich am Arbeitsalltag der Redaktion wenig.

Dieselbe Spannung beschreibt unser Leitprinzip Human Centered. AI First. seit Jahren, in fast denselben Worten. Dass ein Community-Projekt mit tausenden Beitragenden bei derselben Formulierung landet, halte ich für ein gutes Zeichen: Die Haltung trägt offenbar auch außerhalb unserer eigenen Projekte.

Warum uns dieses Muster vertraut vorkommt

In unseren Drupal-Projekten läuft KI seit einiger Zeit nach genau diesem Muster. Die KI schreibt in ein Entwurfsfeld, nie direkt in das veröffentlichte Feld. Meta-Descriptions, Alt-Texte und Übersetzungsrohfassungen entstehen automatisch, die Redaktion übernimmt, korrigiert oder verwirft. Wie das technisch aufgebaut ist, steht in unserem Beitrag zu KI-Content-Workflows in Drupal.

Das war keine Vorwegnahme der Strategie. Wir sind bei diesem Muster gelandet, weil die Alternativen im Betrieb nicht getragen haben. Vollautomatik ohne Freigabe produziert Fehler, die erst Wochen später auffallen. Ein Chatfenster neben dem Redaktionssystem nutzt nach der zweiten Woche niemand mehr. Beides beobachten wir in Kundenprojekten, eine Studie dazu haben wir nicht.

30.000 bis 120.000 Dollar: der Korridor meint euch

Am konkretesten wird die Strategie bei einer Zahl. Agenturen sollen wieder Projekte umsetzen können mit "total budgets (including design, development, hosting, and maintenance) between $30,000 to $120,000 USD". Das sind beim Kurs Ende Juli 2026 rund 26.000 bis 105.000 Euro, inklusive Hosting und Wartung.

In genau diesem Korridor hat Drupal in den letzten Jahren verloren. Der Grund lag selten am Funktionsumfang. Es musste zu viel davon erst eingerichtet werden. In unseren eigenen Kalkulationen war die Grundeinrichtung, also Konfiguration und Grundsatzfragen vor dem ersten Inhalt, regelmäßig ein Viertel bis ein Drittel des Aufwands. Bei einem Projekt für 250.000 Euro fällt das kaum ins Gewicht, bei 60.000 entscheidet es über Zuschlag oder Absage.

Die genannten Initiativen zielen alle auf diesen Aufwand: Site-Templates als fertiger Startpunkt, ein Marktplatz zum Finden von Erweiterungen, automatische Updates gegen die Wartungslast. Wenn das aufgeht, verschiebt sich das Budget dorthin, wo es Wirkung hat, also in Inhaltsmodell, Schnittstellen zu euren Systemen und Barrierefreiheit. Was Drupal CMS heute schon von Drupal Core unterscheidet, ordnet unser Wissen-Artikel zu Drupal CMS ein.

Auswahl der Website-Vorlagen im Installationsassistenten von Drupal CMS
Die Vorlagenauswahl im Installationsassistenten. Genau hier soll der Einrichtungsaufwand sinken. (Quelle: eigene Installation, Drupal CMS 2.1.3, Juli 2026)

Der Screenshot zeigt den Schritt, um den es geht. Nach der Installation steht eine Auswahl fertiger Ausgangspunkte bereit, mit Design und Grundfunktionen. Die Beschreibungen der Vorlagen sind übrigens noch unübersetzt, auch bei deutscher Oberfläche. Das passt zum Zustand der Strategie insgesamt: Die Richtung steht, an der Ausführung wird noch gearbeitet.

Was die Strategie nicht löst

Ein Strategiepapier beschreibt Absichten. Ausgeliefert ist bisher die Produktlinie Drupal CMS 2, erschienen im Januar 2026 und inzwischen bei 2.1. Alles, was die Strategie darüber hinaus beschreibt, verteilt sich auf zwei Jahre. Plant deshalb mit dem, was heute installierbar ist, und behandelt den Rest als erfreuliche Zugabe.

Beim Thema Datenschutz lohnt genaues Lesen. Die Strategie verspricht, dass KI-Funktionen mit verschiedenen Sprachmodellen arbeiten und Nutzern "control over their AI engine, cost, and data handling" geben. Gemeint ist Wahlfreiheit bei Modell, Kosten und Datenverarbeitung. Die DSGVO-Konformität eures Aufbaus folgt daraus noch nicht. Welches Modell ihr anbindet, wo es läuft und ob ein Auftragsverarbeitungsvertrag vorliegt, bleibt eure Entscheidung. Was der EU AI Act zusätzlich verlangt, haben wir in einem eigenen Beitrag zusammengefasst.

Beim reinen Tempo im Prototyping wird Drupal ohnehin nicht gewinnen. Das Dokument grenzt sich selbst gegen Vibe-Coding-Werkzeuge wie Lovable oder Bolt ab. Für eine Klickstrecke in zwei Stunden sind diese Werkzeuge die bessere Wahl. Sobald daraus ein System mit Redaktionsprozessen, Rechten und Mehrsprachigkeit werden soll, steht die Frage wieder da, die diese Strategie beantworten will.

Was angekündigt istWas ihr davon habtWas ihr selbst klären müsst
Agenten für jeden Workflow, Mensch im ProzessWeniger Handarbeit in der RedaktionWer gibt frei, und woran erkennt die Person einen Fehler
Site-Templates als StartpunktKürzere Einrichtung, weniger GrundsatzfragenOb euer Inhaltsmodell in ein Template passt
Marketplace für ErweiterungenSchnelleres Finden statt Modul-RechercheHerkunft und Wartungszustand jeder Erweiterung
Freie ModellwahlKontrolle über Kosten und DatenverarbeitungAuftragsverarbeitung, Serverstandort, Zweckbindung
Automatische UpdatesGeringere WartungslastTestabdeckung, damit ein Update nichts kippt
Sollen wir unseren Relaunch verschieben, bis die Strategie umgesetzt ist?

Nein. Der Zielhorizont liegt bei Juni 2028, das sind zwei Jahre mit einer veralteten Website. Drupal CMS 2.1 ist heute produktiv einsetzbar. Drupal CMS ist laut Release Notes ein Startpunkt für neue Websites. Danach betreibt ihr eine normale Drupal-Installation, und die künftigen Bausteine der Strategie erreichen euch als Module und Recipes. Warten lohnt nur bei einem Projekt, das ohnehin erst 2027 Budget hat.

Ändert die Strategie unsere CMS-Entscheidung?

Sie ändert das Argument in einem Bereich, nämlich bei Projekten zwischen etwa 26.000 und 105.000 Euro Gesamtbudget. Dort war Drupal zuletzt oft zu aufwendig in der Einrichtung. Oberhalb davon war es immer eine plausible Wahl, unterhalb davon ist ein Baukasten häufig richtiger. Entscheidend bleiben eure Anforderungen an Mehrsprachigkeit, Rechte, Schnittstellen und Barrierefreiheit.

Brauchen wir dafür eigene KI-Infrastruktur?

In den meisten Fällen nicht. Freie Modellwahl heißt, dass ihr euch für ein Modell entscheidet. Betreiben müsst ihr es nicht. Für die üblichen Redaktionsaufgaben genügt ein Anbieter mit Auftragsverarbeitungsvertrag und europäischem Verarbeitungsort. Ein eigenes Modell lohnt erst, wenn eure Datenklassifizierung es erzwingt.

Der konkrete nächste Schritt

Nehmt euch eine halbe Stunde und euer aktuelles Redaktionssystem vor, egal welches. Schreibt auf, welche wiederkehrenden Aufgaben eure Redaktion jede Woche erledigt, ohne dabei eine inhaltliche Entscheidung zu treffen. Meta-Angaben, Alt-Texte, Teaser-Varianten, Übersetzungsrohfassungen sind die üblichen Kandidaten. Dann tragt neben jede Aufgabe eine zweite Spalte ein: Wer würde das Ergebnis freigeben?

Diese Liste ist das, was die Drupal-Strategie in zwei Jahren automatisieren will. Das meiste davon lässt sich schon heute bauen. Wenn ihr wissen wollt, welche Positionen in eurem Fall zuerst tragen, ist unser Zukunfts-Check der passende Einstieg.

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